Der Wahrsager, der Mönch und ich oder die etwas andere Art Geburtstag zu feiern

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Ich liege lang ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände zum Gebet vor dem Gesicht gefaltet, auf dem Boden eines thailändischen Tempels. Meine Umgebung kann ich nur schemenhaft wahrnehmen, da ich von Kopf bis Fuss mit einem weissen Tuch zugedeckt bin.

Der thailändische Mönch, der auf seiner kleinen Empore direkt über mir sitzt, rezitiert uralte, heilende Mantren auf Pali, der Ur-Sprache des Buddhismus. Obwohl ich nicht so genau weiss, was hier mit mir geschieht, fühle ich mich doch seltsam entspannt.

„Nimm das Tuch herunter, schüttle es aus und dann decke ihn mit der anderen Seite zu!“ gibt der Mönch Anweisungen an meine Frau. Ich soll auf dem Rücken liegen bleiben.

Mein neues Leben beginnt

Sie tut wie ihr geheissen, schüttelt das weisse Tuch, dreht es um und bedeckt mich wieder.

„Wir führen ihn jetzt in sein neues Leben über!“

Der Mönch beginnt wieder mit seinen Rezitationen auf Pali, doch dann beginnt er auf Thai zu sprechen und bittet darum, dass alle Krankheiten, alles Unglück und Pech mit meinem alten Leben gestorben sei und ich ab sofort nur mehr Gesundheit und Glück in mein Leben ziehe.

Er entfernt das Tuch und weist mich an vor ihm nieder zu knien.

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Während ich das buddhistische Gebet „Na-Mo-Ta-Sa-Pa-Ka-Wa-To-Ara-Ha-To-Sa-Ma-Sam-Put-Ta-Sa“ spreche, segnet er mich und bespritzt mich ausgiebig mit Wasser.

Dann bin ich fertig.

Gestorben und wieder auferstanden.

Das neue Lebensjahr kann nun endgültig beginnen.

Dabei sah einige Tage vorher noch alles ganz anders aus…

Mein Schwiegervater der Wahrsager

Es ist der Abend vor meinem 30. Geburtstag. Bis dahin habe ich mir keine grossen Gedanken darüber gemacht dreissig zu werden. Doch auf einmal werde ich sentimental. Ein Lebensabschnitt geht zu Ende. Ich habe viel erlebt in den ersten 30 Jahren, bin glücklich verheiratet, stolzer Vater, lebe wieder in meiner geliebten Wahlheimat Thailand. Und dennoch zieht mich dieser Geburtstag irgendwie runter.

Spontan kommt mir der Gedanke meinen Schwiegervater anzurufen. Er gilt weit über die Familie hinaus als ein sehr guter Hellseher und wird regelmässig von Verwandten, Freunden und deren Bekannten um Rat gefragt, wenn es um Zukunftsfragen oder „Bad Spirits“ geht.

Bereits im letzten Jahr hat er mir einige Vorhersagen gemacht, die allesamt eingetroffen sind.

Also rufen wir Schwiegerpapa an.

Er verkündet mir zunächst, dass ich noch karmische Altschulden aus einem uneingelösten Versprechen hätte. So hätte ich wohl in irgendeinem Tempel ein Versprechen abgegeben, für den Fall, dass mein Wunsch in Erfüllung geht. Das ist gut möglich. Leider weiss ich aber nicht mehr wo und welches ich Versprechen ich abgegeben habe.

Ich könnte die Schuld aber einfach wieder aufheben, in dem ich 9 weisse Rosen und 9 Räucherstäbchen im Tempel opfere und um Vergebung und Aufhebung bitte.

Ausserdem sieht es so aus, dass sowohl ich, als auch meine Frau unsere Schutzengel nicht ausreichend in unser neues Haus eingeladen haben. Zum ersten Mal erfahre ich, dass mein Lebensbaum der Papaya-Strauch ist und ich mir immer einen im Haus oder Garten pflanzen solle und diesen hegen und pflegen, sowie mit Opfergaben versehen solle, da dies der Aufenthaltsort für meinen persönlichen Schutzengel ist.

Dann kommt die schlechte Nachricht!

Mein kommendes Lebensjahr wird kein gutes für mich. Ausserdem werde ich ein ernsthafte Krankheit durchmachen und muss wohl auch operiert werden.

Er empfiehlt mir eine spezielle Zeremonie durch einen Mönch durchführen zu lassen! Diese könne die Schwere der Krankheit abmildern und eine Operation abwenden.

Mein Geburtstag startet im Tempel

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Am Morgen meines Geburtstags geht es als aller erstes in den Tempel. Das ist nichts ungewöhnliches, denn das haben wir sonst auch schon gemacht.

Der Unterschied ist, dass ich diesmal nicht nur vom Mönch gesegnet werde und um ein gutes neues Lebensjahr bitte, sondern auch um die Aufhebung meiner Versprechungen. Ich lege meine 9 weissen Rosen vor den Altar und verkneife mir im letzten Moment zu verprechen, dass ich keine Verprechen mehr abgebe.

Wir fragen den Mönch nach der speziellen Zeremonie, die mein Schwiegervater empfohlen hat. Er sagt, wir sollen am Samstag morgen vor 8 Uhr wiederkommen.

Nach dem Tempelbesuch fühle ich mich bereits sonderbar erleichtert.

Die Schutzengel werden eingeladen

Zurück zu Hause bereiten wir die Opfergaben für unsere Schutzengel ein. Diese heissen auf Thai übrigens „Nang Thevada“.

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Sie bekommen Reis, grünes Curry, Gemüse, einen Apfel, etwas Süssigkeiten, Wasser, Räucherstäbchen und eine Kerze.

Glücklicherweise haben wir hinterm Haus bereits einen kleinen Papayastrauch. Ich mache ihn schön, so dass sich meine „Nang Thevada“ auch wohlfühlt: Entferne alte, abgestorbene Blätter und reisse rund herum etwas Unkraut aus dem Boden.

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Dann überbringe ich meine Opfergaben und lade meinen Schutzengel offziell zu uns ins Haus und bitte darum immer auf mich und meine Familie aufzupassen.

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Die Wiederauferstehung von den Toten

Am Samstag morgen sind wir wieder im Tempel. Mit Opfergaben für den Mönch. Er bekommt: Reis, Curry, Räucherstäbchen, eine Packung Kerzen und eine Taschenlampe, ausserdem einen Umschlag mit 99 Baht(die Doppelneun bringt besonders viel Glück).

Als wir eintreffen sind die Mönche noch beim Essen.

Wir warten. Schwitzen. Warten.

Dann endlich kommt der Zeremonienmeister, nimmt auf seiner Empore Platz, schaltet einen Ventilator für sich ein.

Wir knien vor ihm auf dem Boden. Er weist uns an 3x „Na-Mo-Ta-Sa-Pa-Ka-Wa-To-Ara-Ha-To-Sa-Ma-Sam-Put-Ta-Sa“ zu wiederholen. Ich übergebe die Opfergaben.

Und  finde mich dann plötzlich auf dem Rücken liegend vor dem Mönch wieder, der meine Frau bittet mich von Kopf bis Fuss in das weisse Tuch einzuwickeln.

Der symbolische Tod hat begonnen.

Ich fühle mich wie neugeboren

Nach dem ich all diese kleinen Zeremonien überstanden habe fühle ich mich jetzt unglaublich befreit.

Ich fühle mich tatsächlich wie neugeboren, bin voller Energie, zufriedener und ausgeglichener.

Bereit für die nächsten 30 Jahre. Hoffentlich, ohne Krankheit und Operationen.

Aber darüber wachen ja meine Schutzengel.